Seit 50 Jahren Bio: „Damals wurden wir schief angeschaut“
Hans und Paula Diwald wurden in den 1970er-Jahren zu Bio-Pionieren im österreichischen Weinbau – durch Zufall und Revoluzzer-Spirit. An Innovationsgeist und Experimentierfreude hat Familie Diwald in den vergangenen 50 Jahren nichts eingebüßt. Heute führen ihr Sohn Martin und seine Frau Ulli das Weingut am Wagram biodynamisch und setzen auf Cool Climate Riesling statt auf Roten Veltliner.
Als die gemischte Landwirtschaft von Familie Diwald 1976 auf ökologischen Weinbau umstellte, war Österreich noch lange nicht Bio-Weltmeister: „Bio war eine winzige Nische und den meisten Leuten suspekt“, erklären Martin und Ulli Diwald. Heute ist ein Drittel der Rebfläche in Österreich biologisch zertifiziert; das Bio Austria-Siegel stärkt das Image eines Weinguts und rentiert sich meist auch ökonomisch. Diese Entwicklung ist nicht zuletzt Menschen mit Vision wie Hans und Paula Diwald zu verdanken.
„Wenn meine Eltern vor 50 Jahren von Bio-Weinbau sprachen, wurden sie noch schief angeschaut. Bio war kein Marketing-Argument – eher im Gegenteil. Es war ein gewagtes Experiment, doch die Zeit gab ihnen recht. Danke Mama und Papa, dass ihr so stur wart.“
Im falschen Seminarraum, aber am richtigen Weg
Es war die Anfangszeit des Öko-Aktivismus, in der Landwirtschaft war eine nachhaltig-ökologische Wirtschaftsweise noch ein weitgehend unbekanntes Randphänomen. Das Schicksal führte Familie Diwald zu einem Vortrag über Bio-Landwirtschaft in Südtirol – sie hatten sich nämlich beim Forum Alpbach in den falschen Seminarraum gesetzt. Dort sprang der Bio-Funke auf die beiden über.
Der älteste Nachweis dieser Pionierarbeit fand sich im Weinkeller der Diwalds, auf einer Flasche Grüner Veltliner Ried Goldberg 1976. Vor genau 50 Jahren stand bereits „Biologischer Weinbau“ am Etikett – elf Jahre bevor „Bio“ rechtlich definiert wurde.
Weinskandal als Qualitätsbooster
Im Nachhall des Weinskandals verzeichnete Österreich ab Ende der 1980er-Jahre einen Bio-Boom: Je größer und konventioneller der Betrieb, desto stärker wurde das Vertrauen erschüttert. Bio-Weingüter gewannen an Glaubwürdigkeit und die Nachfrage an ihren Weinen stieg. Ökologische Landwirtschaft avancierte vom Kuriosum zur Marktanforderung.
Seit den Anfängen stieg das Wissen über die Anforderungen des Bio-Weinbaus stetig und damit auch die Qualität der Weine. Für Martin und Ulli Diwald war immer schon klar, dass diese Entwicklung weitergehen muss.
It's the terroir, stupid! Nicht Winemaker, sondern Weinbauer
2006 übernahm Martin Diwald das Weingut und verbannte Reinzuchthefen aus seinem Keller. Keine „gemachten“ Weine, sondern voller Ausdruck des Terroirs – so seine Philosophie. „Ich wollte nie Winemaker sein, sondern Weinbauer. Nicht versuchen, dem Wein im Keller einen Stil aufzudrücken, sondern mit den bestmöglichen Trauben der Natur Ausdruck zu verleihen.“
Folglich nahmen die Presse und Sommellerie die Diwalds als Teil der damals aufkommenden Natural Wine Szene wahr. Sie selbst sahen das anders: „Wir produzieren Weine so, wie wir es für richtig empfinden und passen in keine Schublade.“
Ihre Wagramer Winzer-Kollegen Bernhard Ott und Karl Fritsch empfahlen sie bei den Österreichischen Traditionsweingütern (ÖTW), seit 2019 ist das Weingut Diwald Mitglied in diesem erlesenen Kreis. Seit 2023 arbeiten die Diwalds zertifiziert biodynamisch und im selben Jahr erfolgte die Aufnahme bei respekt.biodyn.
Innovationsgeist in den Genen
Die Hauptrolle im Weingut Diwald spielt der Grüne Veltliner. Untypisch für den Wagram, verzichten Martin und Ulli Diwald in ihrem Sortenportfolio auf Roten Veltliner und setzen stattdessen auf Riesling.
Mit dem Riesling Ried Eisenhut 1ÖTW haben sie laut Weinkritikerin Petra Bader die „Benchmark für Riesling vom Wagram“ gesetzt. In dieser Riede fühlt sich die Rebsorte wohl: Im Boden trifft kalkhaltiger Löss auf das namensgebende Eisen. Das äußert sich am Gaumen durch eine zupackende Säure und mentholige Kühle. Für den typischen Cool Climate Charme ist am Eisenhut gesorgt: „Die Weingärten stehen am Südhang, am Plateau und auch am Nordhang. So transportieren wir alle Facetten dieses faszinierenden Terroirs ins Glas und sind für alle Jahrgänge gerüstet.“
Einen großen Stellenwert hat für das Weingut Diwald auch die Selektion des richtigen Gen-Materials für ihre Rebstöcke. Der Zukauf von Klonen vermeiden Martin und Ulli Diwald möglichst, stattdessen setzen sie auf Selektion Massale. Das Paar analysiert genau, welche Reben in welchen Lagen die beste Qualität bringen. Die passenden Rebstöcke vermehren sie dann, weshalb sich in ihren Weingärten vorwiegend alte, eigenständige Genetik findet, die zum unverkennbaren Stil der Diwald-Weine beiträgt.
„Der Prophet gilt nichts im eigenen Land“
In Österreich trifft diese biblische Weisheit nicht nur auf Falco oder Christoph Waltz zu. Auch das Weingut Diwald ist am internationalen Markt bekannter als in Österreich. „Unsere Weine sind zwar auch in der heimischen Gastronomie gut vertreten – zuhause gelten wir aber noch ein bisschen als Geheimtipp.“
Expansionsgedanken über ihre 23 Hektar hinaus hegen Martin und Ulli Diwald definitiv nicht: „Es wird in Zukunft kein Wachstum geben, außer in der Qualität.“
Über das Weingut Diwald
Familie Diwald betreibt seit 50 Jahren biologischen Weinbau in Großriedenthal am Wagram. Hans und Paula zählten damit zu den Bio-Pionieren in Österreich und führten den Betrieb anfangs als gemischte Landwirtschaft. Seit 2006 führt ihr Sohn Martin Diwald mit seiner Frau Ulli das Weingut und hat die Fläche auf 23 Hektar erweitert. 2019 wurde das Weingut Mitglied der Österreichischen Traditionsweingüter (ÖTW), 2023 bei respekt.biodyn. Neben Grünem Veltliner produziert das Weingut Diwald auch Rieslinge auf höchstem Niveau, etwa in den 1ÖTW-Lagen Eisenhut und Goldberg. Einen hohen Stellenwert haben für Familie Diwald auch Raritäten und ausgefallene Sorten, wie der Frührote Veltliner oder ihr „Furmint vom Hut“ – der womöglich nördlichste Furmint Österreichs.
Weingut Diwald
Großriedenthal
Hauptstraße 35
Downloads