Stuart Pigott: Ein bunter Vogel hebt ab
Wein hält jung. Wie sonst kann es sein, dass Stuart Pigott, in einem Alter, in dem andere Menschen schon die Tage bis zur Pensionierung zählen, bei Null beginnt? Was treibt jemanden an, der sich mit 66 aufmacht, einen neuen Blickwinkel auf das Faszinosum Wein zu eröffnen?
Mit seinem lauten und unverkennbaren Lachen antwortet der gebürtige Brite, der seit 2018 deutscher Staatsbürger ist. „Ich habe schon an vielen Positionen gearbeitet, aber noch nie im Leben etwas ganz Eigenes auf die Beine gestellt. Ich fand, es ist Zeit“, erzählt er. So wurde www.stuartpigott.com geboren.
Es ist für Stuart ein neues Abenteuer, sich mit Abo-Bedingungen, mit Steuerberater, dem Finanzamt und IT-Programmierern zu beschäftigen. Der Inhalt freilich ist für ihn schon lange das Thema seines Lebens, denn über Wein schreibt er seit den 1980er Jahren. Seine Artikel und Bewertungen erschienen in der FAZ, im Feinschmecker, im Fine-Magazin, im Vinaria. 2016 wechselte Stuart zu www.JamesSuckling.com, wo er die Position des Senior Editors annahm und von nun an in höchstem Tempo und unfassbarer Schlagzahl Weinbewertungen aus aller Welt lieferte. „Mit James Suckling zu arbeiten, ist Hochleistungssport“, bestätigt Stuart: „Dieser Mann hat Energie und Motivation ohne Ende.“
Stuart wollte aus dem Hamsterrad ausbrechen. „Mir liegt Wein so sehr am Herzen, dass ich jeder Flasche ausreichend Zeit, Aufmerksamkeit und Energie widmen möchte.“ Dieser Wunsch lässt sich mit einem dichten Redaktionsplan nicht in Einklang bringen, der jede Region, jedes wichtige Weingut und jeden Jahrgang bewerten muss.
Was ist anders?
Hat die Welt auf eine weitere Weinbewertungsplattform gewartet? Ganz sicher nicht. Aber Stuart schafft auch einen guten Mix aus Ratings und Longform.
Er greift Themen, Weingüter und Weine auf, die nicht zu den üblichen Verdächtigen zählen. Er gestattet sich selbst, einen vielleicht etwas verrückten Blickwinkel einzunehmen, eine Sichtweise zu beschreiben, die sich im ersten Moment nicht erschließt.
Vielleicht hat das mit seiner Vergangenheit und mit seiner Herkunft zu tun. Pigott studierte ursprünglich Malerei und Kunstgeschichte am Londoner Goldsmith College, später an der St. Martins School of Art und am Royal College of Art. Seine Liebe zur zeitgenössischen Kunst lässt sich auch an den Wänden seiner Berliner Wohnung ablesen, die voll ist mit kontemporären Kunstwerken aus aller Welt.
Die erste Klammer zwischen Kunst und Wein bot ihm ein Studentenjob als Wein-Kellner im Restaurant der großartigen Tate-Gallery in London. Seine journalistische Laufbahn betrat er mit Beiträgen für eine New Yorker Kunstzeitschrift. Erst nach seinem Studienabschluss widmete er sich voll dem Wein und zog 1989 nach Deutschland.
Dort wurde er bald als bunter Vogel bekannt, den man leicht an seiner exzentrischen Designerkleidung und an seinem ungebremsten Lachen erkennen konnte.
Gemeinsam mit führenden Weinkritikern der damaligen Zeit – mit Stephan Reinhardt, Chandra Kurt, Manfred Luer, Ursula Heinzelmann und Andreas Durst– gab Stuart Pigott 2006 den ersten dicken Wälzer über Weine aus deutschsprachigen Regionen heraus: Wein spricht Deutsch. 700 Seiten Text vom Eisenberg bis an die Saale und von der Mosel bis nach Südtirol.
Ein Buch voller Begegnungen und Erzählungen, Statements, Bildern, Info-Kästen, Karten. Und ohne eine einzige Weinbewertung. Keine Punkte. 700 Seiten lang.
Geschichten erzählen statt Punkte zählen
Kehrt Pigott mit seiner neuen Plattform zu diesem hehren Anspruch zurück: in die Weine und die Gedanken der ProduzentInnen ganz einzutauchen, sie verstehen zu wollen, sie in Worte und Geschichten umzusetzen?
Tätsächlich lesen wir auf stuartpigott.com Hintergrundgeschichten und Philosophisches, doch sind es nicht mehr die staunenden Neuentdeckungen eines jungen Journalisten, sondern es sind Einordnungen eines Erfahrenen, der die Weinwelt seit Jahrzehnten kennt und der weiß, welche Weine Potential haben.
Und dennoch steht dann hinter jedem verkostetet Wein auch eine Zahl zwischen etwa 80 und 100. Ganz ohne Rating geht’s vermutlich nicht mehr. Punkte schaffen Aufmerksamkeit.
Wie entscheidet Stuart, der die ganze Weinwelt bereist hat, welche Weingüter Eingang finden auf seiner neuen Plattform?
„Ich habe schon so viel verkostet in meinem Leben. Es muss schon ein Kitzeln da sein, die Weine und ihre Produzentinnen müssen mich herausfordern, ich muss das Gefühl haben, dass ich in etwas eintauchen kann und in der Tiefe mehr entdecke, als das, was man schon kennt.“
„Ich will mit Interesse an die Weine herangehen und in die Texte Kreativität einfließen lassen, anstatt To-Do-Listen abzuarbeiten“, bringt er es auf den Punkt.
Neben ihm selbst ist ein kleines Redaktionsteam tätig. Keine herkömmlichen Weinkritiker, sondern Menschen, die ihren ganz eigenen Zugang haben, oftmals mit künstlerischem Background. So entsteht ein buntes Werk, das unterhalten und informieren möchte, nicht bewerten und aburteilen.
Und wer bitte soll das lesen?
Die Abonnenten kommen aus aller Welt und aus allen Altersschichten. Was sie eint, ist der Wunsch zu lesen und sich zu informieren. Und Offenheit für Neues.
„Ungarn etwa ist ein spannendes Thema, hier kann man noch so viel entdecken, Newcomer und ihre Entwicklungen beobachten. Das liegt mir viel mehr, als einen weiteren Burgund-Marathon zu starten, um möglichst viele Betriebe abzuarbeiten.“ Und: „Es hat mich wirklich beeindruckt, dass gerade unser Ungarn-Bericht die mit Abstand höchste Resonanz hervorgerufen hat.“
„Ich bin sehr stolz auf meine Leserinnen und Leser. Und mein Versprechen ist, dass ich sie nicht zum Gähnen bringe.“ sagt Stuart. Und er lacht. Laut und kräftig. Abschließend wieder ernst: „Mein Ziel ist es, den Weinjournalismus auf spannende und unterhaltsame Weise neu zu erfinden.“
Für den Single Vineyard Summit der Österreichischen Traditionsweingüter 2024 gab uns Stuart Pigott seine persönlichen Survival Tipps.
In diesem Jahr findet das internationale Gipfeltreffen, bei dem die besten Einzellagenweine aus den wichtigsten österreichischen Weinbaugebieten verkostet werden können, zwischen 7. und 10. September auf Schloss Grafenegg in Niederösterreich statt.